Meine erste Veröffentlichung


So kann es einem gehen

Ich gebe es mehr oder weniger gerne zu: Der Lack ist ab. Die letzte Schublade ist zweifellos gezogen. Vielleicht kann ich unter dem Begriff
"tageslichttauglich" noch durchs Leben laufen, aber mehr ist nicht drin.
Der Zahn der Zeit hat schon die eine oder andere Falte in mein Gesicht gemeißelt und selbst kosmetische Sälbchen, die laut Werbung in der Lage sind, Wellblechdächer glatt zu ziehen, wirken bei mir nicht mehr.
Das einzige maskuline Geschöpf, das mir noch hinterher pfeift, ist der Wasserkessel.

Wie sehne ich mich danach, dass mir in diesem Leben ein hübscher Unbekannter noch einmal, blind vor Liebe und geil wie ein Matrose nach zwei Monaten Abstinenz, Sätze ins Ohr haucht, wie: "Ich bin so scharf auf dich, komm lass uns zu Dir gehen.“
Warum bietet mir denn keiner mehr nachts um halb drei auf die altmodische Tour einen Kaffee an, nur um dann wie ein wildgewordener Berserker über mich herzufallen?
Das kann so nicht weitergehen. Entweder pflege ich weiterhin mein bis dato ziemlich unbefriedigendes Verhältnis mit dem Schneebesen oder ich muss raus aus diesem Affenstall, in dem ich jahrein und jahraus meine unentdeckten Talente als Hausfrau und Mutter verschwende.
Als mein Spiegelbild mich heute morgen wieder mit diesem vorwurfsvollen "Du-könntest-auch-mal-eine-neue-Frisur-vertragen-Grinsen" anlächelte, stand mein Entschluss fest.
Ich muss auf die Piste, um meine Chancen auf dem freien Markt zu testen.
Und zwar heute noch! Bevor eines meiner liebreizenden Kinder mich wieder mit Sätzen, wie:" Mama, wieso hast Du so eine enge Hose an? Möchtest Du, dass jeder sieht, wie Du von innen aussiehst?", auf den Boden der grausamen Tatsachen zurückführt.
Für eine Schönheitsoperation wird die Zeit ein wenig knapp werden, also rief ich meine Freundin an, die, dem Himmel sei Dank, Kosmetikerin ist.
"Hi, ich bin`s. Kannst Du mich heute noch irgendwie dazwischenfummeln? Ich muss heute abend so aussehen, dass selbst Brad Pitt bei meinem Anblick anfangen würde zu zittern"
"Oh", kam eine, ein Lachen unterdrückende Stimme vom anderen Ende der Leitung, "Ich bin mir sicher, er würde sogar Schweißausbrüche haben, wenn er Dich sieht........Vor lauter Angst, dass Du ihn ansprechen könntest und alle Leute denken, er wäre mit seiner Mutter unterwegs."

Na, schönen Dank auch! Blöde Kuh!
Jedenfalls lag ich eine Stunde später in ihrem Behandlungsstuhl und betete still vor mich hin. Lieber Gott, lass sie ein Wunder vollbringen! Ich verspreche Dir auch, dass ich diese Nacht beim Sex die Augen geschlossen halte.
Ich glaube, dieses fromme Versprechen hat IHM imponiert.
Denn als ich nach 3 Stunden drücken, quetschen, massieren, peelen, pudern, schminken und diversen Cremes, Salben, Ampullen und Masken in den Spiegel blickte, bzw. einen Blick in den Spiegel warf..., dachte ich: Wow, du bist der Inbegriff von sexy!
Das war der Moment, in dem meine legendäre und vielgepriesene Bescheidenheit in Größenwahn umschlug.
Ich fuhr in Folge dessen nicht zu einem popeligen Frisör um die Ecke, nein, das wäre unter meiner soeben restaurierten Würde gewesen. Ich lenkte mein Auto zum angesehensten Hairstylisten der ganzen Stadt und bat um einen Termin beim Figaro-Gott
höchstpersönlich. Dass er mich misstrauisch und kopfschüttelnd musterte, ließ mich noch relativ kalt. Aber als er mich dann fragte:
"Haben Sie statt des Föhns den Finger in die Steckdose gesteckt?“, wurde ich doch ein wenig kleinlaut.
"Nein, nein, bestimmt nicht. Ich leide nur seit der Geburt meines Kleinen ein wenig an Depressionen.“
Verständnisvoll fragte er: „Wie alt ist denn Ihr Kleiner?“
„Dreiundzwanzig.“
Ich hatte zwar den Eindruck, dass er mich von da an behandelte, als hätte ich nicht alle beisammen, aber das Ergebnis konnte sich trotzdem sehen lassen.
Naja, für 125 Euro konnte ich wohl auch erwarten, dass ich um mindestens 18 1/2 Jahre jünger aussah.
So, jetzt noch das passende Outfit für meinen triumphalen Auftritt heute Abend. Ich hatte seit Jahren keine Boutique mehr von innen gesehen.
Dementsprechend ungeschickt musste ich mich wohl verhalten haben, denn als ich gerade ein Etui-Kleid auf dem Ständer hin und her schob, fragte mich eine Verkäuferin:
"Welche Größe suchen Sie denn? 42, 44 oder 46?"
"Ja, wenn ich das wüsste, wissen Sie, ich schneidere mir seit Jahren meine Kleider selbst. Aus alten Gardinen und Bettüberwürfen.“
“Probieren Sie mal das hier."
In der Umkleidekabine hatte ich das Gefühl, dass mein Körper und mein Schamgefühl allen vorhandenen Platz einnahmen.
Fünfzehn Minuten lang zerrte und quetschte ich mich in das Etui-Kleid.
Dann wagte ich einen verstohlenen Blick in den Spiegel. Die Brust war als Rücken getarnt, der Bauch sprengte fast die Knöpfe und die Blutzirkulation in den Beinen war bereits abgeschnürt. Aber wer schön sein will, muss ja bekanntlich leiden.
Ich bezahlte den sündhaft teuren Fummel und verließ hocherhobenen Hauptes den Mode-Palast.
Den Rest des Tages schwelgte ich in Fantasien.
Auf dem Weg zur Disco malte ich mir im Taxi aus, wie ich mit meinem Charme und meinem Aussehen den Mann meiner Träume betören, verzaubern und begeistern würde. Sicher würde er dahinschmelzen wie Butter in der Mikrowelle. Mein Traummann würde mir ganz tief in meine fachmännisch ummalten Augen blicken und von Stund`an hoffnungslos und unsterblich verliebt sein.
Und ich würde mich mit glühenden Wangen, schamhaft roten Ohrläppchen und abgeschnürten Puddingbeinen hingebungsvoll in seine Arme gleiten lassen, wohlwissend, dass mir das Beste noch bevorstand.

Dann ist der große Augenblick endlich gekommen.
Im berüchtigtsten Baggerschuppen weit und breit stand ich verträumt und mädchenhaft an einen Pfeiler gelehnt.
Er schlenderte an mir vorbei und ich wusste sofort: Das ist ER.
Dieser selbstbewusste Gang, dieses humorvolle Funkeln in seinen Augen, dieser leicht verruchte Dreitagebart und erst sein Hintern.
Mannomann! Das würde der beste Sex meines Lebens werden.
Hoffentlich fackelt er jetzt nicht so lange und hoffentlich tickt meine biologische Uhr nicht so laut, dass er es hören kann.
Ich setze mein schönstes Mona-Lisa-Lächeln auf und zeige ihm einen Augenaufschlag, der Claudia Schiffer hätte vor Neid erblassen lassen.
Einmal, zweimal, dreimal!
Verdammt, worauf wartet der? Wie lange soll ich diese Spielchen noch spielen? Ich dachte aus dem Alter sind wir raus.
Naja, er scheint ein Genießer zu sein. Auch gut. So`n bisschen Genusssucht und Sinnlichkeit kann im Bett ja nicht schaden.
Viermal, fünfmal, sechsmal!
Also, jetzt reicht es aber langsam. Nun komm mal in die Gänge, bevor der ganze Kleister in meinem Gesicht mein Lächeln erstarren lässt.
Na endlich!
"Hallo, schöne Frau, so alleine?"
Witzbold, hätte ich meine Kinder mitbringen sollen?
"Nein, ich habe nur darauf gewartet, dass mich ein Mann wie Du anspricht."
Grrr. Wie schleimscheißerisch! Aber schließlich will ich heute noch zu Potte kommen.
"Du bist mir sofort aufgefallen mit Deiner natürlichen Schönheit", höre ich ihn sagen.
Ich habe zwar das Gefühl mit der Farbe in meinem Gesicht könnte man gut und gerne eine Dreizimmerwohnung renovieren, aber macht ja nix.
Wahrscheinlich ist er schon blind vor Liebe.
"Du siehst so jung und voller Tatendrang aus."
Ja, glaubt der denn, ich bin zum Sterben hergekommen.
"Darf ich die Dame bitten?“
Oh, ein Gentleman, der kann ja richtig höflich sein.
"Ja, gerne!"
Er nimmt meine Hand und führt mich zur Tanzfläche. Tollkühn schmiege ich mich an ihn .
Hmmmh, das fühlt sich an, als würde ich ihn schon ewig kennen. So vertraut. So innig. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Paare, die beim Tanzen harmonisieren, auch beim Sex auf einer Wellenlänge liegen.
Wir tanzen so eng, dass ich die Gedanken seines "besten Stückes" lesen kann.
Wie kriege ich ihn jetzt auf dem schnellsten Wege ins Bett?, denke ich, als ich langsam spüre, wie meine Füße anschwellen.
Wie macht man das heute? Was drücke ich mir aus der Birne, um ihn rumzukriegen? Ich glaube, ich wähle die altmodische und altbewährte Tour.
"Möchtest Du noch einen Kaffee mit mir trinken?"
"Ja, würde ich ganz gerne, mein Schatz, aber wir haben keine Filtertüten mehr"
Tja, so ist er. Immer geradeheraus. So kenne und so liebe ich ihn.

Meinen Mann.

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Kommentare: 10
  • #1

    maibritt (Dienstag, 13 Januar 2009 23:05)

    eine echte!!!
    klasse geschrieben.

    (-18 1/2 helfen uns auch nicht wehr. wir müssen der realität ins auge sehen und hoffen, dass amor besoffene pfeile abschießt bei dem derzeitigen jugendwahn!!)

  • #2

    Gerda (Mittwoch, 14 Januar 2009 07:07)

    *lach*
    wir haben aber wenigstens noch eine realität, mai britt. ohne aufgespritzte lippen, silikonbrüsten und faltenhalter hinter den ohren.und mehr zielscheibe zum treffen bieten wir amor allemal.

  • #3

    Indigonia@gmx.net (Montag, 26 Januar 2009 20:08)

    Liebe Gerda,
    deine Geschichte ist so herzerfrischend, so ehrlich gedacht, so ausdrucksstark geschrieben, dass ich mich einhundertprozentig damit identifizieren kann. Ich bin einen "Hauch" älter als du, male ebenfalls und versuche mich auch mit selbstverfassten Texten.

    Trotzdem der Zahn der Zeit an uns nagt, behaupte ich, dass wir noch sehr gut erhalten sind.

    Noch viele so schöne kreative Einfälle ;-)))
    Indigonia

  • #4

    gestammelte-werke (Montag, 26 Januar 2009 20:16)

    liebe indigonia,
    ich freue mich, dass du noch mal vorbeigeschaut hast. und über deinen kommentar freu ich mich erst recht. danke.

    ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich so humorvoll meine körperlichen unzulänglichkeiten auf die schippe nehmen könnte, wenn ich wirklich davon überzeugt wäre, dass es sooooo schlimm ist.

    alles liebe dir

    gerda

  • #5

    Anna-Lena (Dienstag, 23 Juni 2009 23:21)

    Köstlich!!
    Du hast mich nach einem frustrierenden Abend (ich musste eine Klausur korrigieren, über deren Ergebnis man nur den Kopf schütteln kann) herzhaft über Deine Geschichte gelacht.

    Ja, wir Frauen über 50 haben es nicht immer leicht. Aber 20 möchte ich auch nicht mehr sein.

    ich komme bald mal wieder.
    Lieben Gruß
    Anna-Lena :-)

  • #6

    Gerda Häusler (Mittwoch, 24 Juni 2009 07:17)

    hallo anna-lena,
    danke fürs lesen und fürs schmunzeln.
    ich freu mich auf deinen besuch.

    gerda

  • #7

    Eva Zeller-Albert (Dienstag, 20 Oktober 2009 15:47)

    Hallo Gerda,
    eigentlich ist schon alles gesagt :-) Ich habe mich in vielen Zeilen wiedergefunden... Na ja, meistens mag ich mich gerne, und stehe zu meinen Pfunden und meinen Falten, aber dann gibt es sie doch manchmal, die Tage, wie du sie beschreibst. Danke für diese wunderbare Geschichte! Ach so, und nach den Fotos zu urteile, ist es nicht nur nicht so schlimm, sondern du bist eine sehr attraktive schöne Frau! Viele Frauen sind dasrein äußerlich, beim Lesen deiner Zeilen, und beim Betrachten deiner Bilder und Malerei, glaube ich, du gehörst zu den Frauen, die auch innerlich schön sind! Ganz liebe Grüße, Eva

  • #8

    Gerda Häusler (Dienstag, 20 Oktober 2009 19:12)

    boah, jetzt machst du mich aber verlegen, eva.
    so ein kompliment an einem ganz normalen dienstag abend.
    und dazu noch von einer frau.
    (frauenkomplimente zählen doppelt, weil sie nicht zum ziel haben, mich verführen zu wollen)
    deshalb bedanke ich mich tausend mal für diese super nette antwort.

    einen wunderschönen abend und alles liebe
    gerda

  • #9

    Lucie (Samstag, 06 November 2010 06:38)

    Was für eine schöne Geschichte, ich habe mich köstlich amüsiert :-).

    Schade nur, dass man Dich bei den Kritzelmeistern nur noch so selten sieht...

    Liebe Grüße
    Christiane

  • #10

    Gerda Häusler (Samstag, 06 November 2010 23:14)

    liebe christiane,
    hab dank für deinen lieben kommentar.
    dass ich bei den kritzelmeistern nur noch selten bin, hat mehrere gründe.
    1. ich male nur noch ganz wenig im moment.
    2. das forum ist mir zu groß und damit zu unpersönlich.
    3. es sind so supertolle maler/innen bei den kritzelmeistern, da fühle ich mich mit meinen kritzeleien fehl am platz.

    aber schön, dass ich dir noch in erinnerung geblieben bin.
    alles liebe dir

    gerda