lieber papa,

 

vor ziemlich genau einem jahr ist dieses foto von dir entstanden. weihnachten 2008 bei mir zu hause. ohne probleme hast du die treppe in den ersten stock genommen und hast beim essen deine unnachahmlichen scherzchen gemacht.

 

heute liegst du wie ein häufchen elend im krankenhaus. kannst nicht mehr gehen, nicht mehr stehen, nicht mehr richtig sprechen,ja, nicht mal mehr alleine essen.

 

es tut verdammt weh, dich so hilflos zu sehen.

mein leben lang warst du mein vorbild, meine hilfe in allen lebenslagen, meine stütze. und nun liegst du da und bist auf meine hilfe angewiesen.

nicht, dass ich dir diese hilfe nicht liebend gerne zukommen lasse. ich bin froh und dankbar, dass ich ein klitzekleines bisschen von dem, was du mir an liebe und fürsorge hast zuteil werden lassen, nun zurück geben kann.

dennoch tut es weh, zu sehen, wie du dich noch gegen die situation wehrst, wie du hundert mal lieber alles alleine machen möchtest, als dich von uns und den krankenschwestern helfen zu lassen. du empfindest das als entwürdigend.

glaub mir, papa, wenn einer dich versteht, dann ich.

schließlich haben wir beide den gleichen sturen schädel, wenn es darum geht hilfe anzunehmen.

überhaupt war ich immer papas mädchen, bis heute zu.

ich hab dir weiß gott genug ärger bereitet, und trotzdem warst du immer stolz auf mich.

ich erinnere mich an eine feier im altenheim. du warst als gast eingeladen und ich hab gekellnert.

die ganze high society stand bei dir am tisch und ich kam mit dem sekttablett vorbei. sämtlichen leuten hast du mich voller stolz als deine tochter vorgestellt. immer wenn jemand neues hinzu kam, hast du das zeremoniell mit leuchtenden augen wiederholt. ausgerechnet du, der sonst immer eher zurückhaltend warst, der lieber zwei worte zu wenig, als eins zu viel sagte. das hat mich sehr gerührt damals.

 

weißt du noch, wie ich dich als fünfzehnjährige angelogen habe? ich hab dir erzählt, ich würde bei einer schulfreundin lernen, in wahrheit bin ich mit einem flotten italiener nach holland in eine disco gefahren. du hast den braten anscheinend gerochen und in den nächsten tagen immer wieder irgendwelche bemerkungen fallen lassen, die mich aufhorchen ließen. Zwar hast du nichts konkretes gesagt und auch nicht mit mir geschimpft, aber ich hatte das gefühl, du weißt was, woher auch immer. jahre später hast du mir erzählt, du wärest mir als oma verkleidet gefolgt. das habe ich dir geglaubt, weil du einzelheiten wusstest, zum beispiel, dass ich ich einer frittenbude eine currywurst gegessen habe. erst vor kurzem hast du zugegeben, dass du mir gar nicht gefolgt bist, sondern mein tagebuch gelesen hattest. nicht die feine engliche art, aber ich hab dir längst verziehen, weil ich weiß, dass du nur mein bestes wolltest.

mit deinem kriminalistischen spürsinn bist du mir immer auf die schliche gekommen, hast hier und da eine bemerkung gemacht, mich aber trotzdem machen lassen. immer hatte ich den eindruck, du weißt alles. und wenn ich dich direkt drauf ansprach, hast du nur wissend gegrinst.

 

ach, papa, du bist ein wundervoller vater. großzügig, gerecht und liebevoll. meinen kindern bist du ein opa, wie er im buche steht. lustig, verständnisvoll und spendabel.

 

wir werden uns nun alle umstellen müssen. umstellen auf eine situation, die uns allen noch nicht geheuer ist und die uns allen nicht passt.

aber wir werden es schaffen. so wie wir schon andere situationen als familie gemeistert haben.

die organisatorischen sachen sind geklärt, jetzt gilt es noch zu lernen mit der emotionalen seite umzugehen.

das wird um einiges schwieriger werden.

 

papa, du warst immer für mich da. ob ich finanzielle probleme hatte oder ob ich wieder mal scheiße gebaut habe, du hast mich immer aufgefangen. immer.

bitte, bitte lass nun zu, dass ich für dich da bin.

wann immer ich kann und wann immer ich möchte.

bitte.

ich möchte dir so gerne zeigen, dass ich dich liebe.

zwar hast du etliche liebesbriefe von mir in der schublade liegen.

aber wie sagt man so schön? papier ist geduldig.

lass mich taten folgen lassen.

nicht weil es nötig ist, sondern weil ich es möchte.

und lieb wäre mir, wenn du meine fürsorge und mein kümmern einfach so annimmst, ohne dir ein schlechtes gewissen zu machen und ohne dass es dir peinlich ist.

 

es bricht mir das herz, papa, dich leiden zu sehen. lieber würde ich dir deine momentanen schmerzen abnehmen. ehrlich.

leider geht das nicht.

 

was aber geht ist, dass, wenn du dieses jahr weihnachten nicht mehr zu mir kommen kannst, ich mit meinem ganzen gekochten und gebratenen krempel zu dir komme.

und ich werde wieder ein foto machen.

ein anderes als letztes jahr. sicher.

aber eines, das mir genauso lieb und wert und teuer ist.

 

ich liebe dich, papa!

ob du stehst, gehst, sitzt oder eben liegst.

ich liebe dich!

 

von herzen

 

gerda

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Manuel Pfeiler (Donnerstag, 13 Dezember 2012 13:27)

    Sehr berührend. Ich hätte auch gern so einen Vater. Lg aus Ö